Spanische Schulkinder haben es besser

04.09.2007 - Stefanie Müller - SCM Communication 

In Deutschland wird derzeit viel diskutiert über die Ganztagsschule, Kinderbetreuung und sinkende Geburtenrate. Vielleicht sollte man mal einen Blick nach Spanien wagen. Nicht, das hier mehr Kinder geboren werden, aber zumindest in den Anfangsjahren ist die Betreuung eindeutig besser. Nicht nur spanische Kinder auch Eltern haben es besser. Sie können länger schlafen. Die Schule beginnt erst um 9.30 Uhr.O.K., vielleicht schon wieder etwas zu spät, aber in Deutschland beginnt sie um 8 Uhr und manchmal auch schon vorher. In unserer heutigen Zeit ist das nicht praktikabel. Die Kinder gehen nicht mehr um 21 Uhr ins Bett. Sie kriegen dann die ersten Stunden kaum etwas mit, weil sei übermüdet sind, das ist bewiesen. Um 13 Uhr sind deutsche Schüler meist wieder zuhause, in Spanien ist die Schule erst um 16.30 Uhr vorbei. Sportaktivitäten gibt es im Anschluß am selben Ort. Keine Rumkurverei notwendig.Die Deutsche Schule in Madrid hat sich leider dem deutschen Rhythmus angepasst, was viele Germanen davon abhält, ihre Kinder dort hinzuschicken. Auch wenn die Schule einen guten Ruf hat. Der Organisationsaufwand für arbeitende Mütter mit Kindern auf der Deutschen Schule ist enorm, die Kosten für die Ausbildung, die erst ab dem Gymnasium wirklich besser ist, ufern auf diese Weise ins Unendliche aus. Einer muss die Kinder von der Schule abholen, sie zuhause beschäftigen etc..In Spanien können sich das viele nur leisten, weil die zuhause schlafenden Haushaltshilfen noch für 650 Euro im Monat zu haben sind. In Deutschland legt man für eine externe Tagesmutter schon über 1000 Euro hin und putzen tut diese meist nicht.Anfangs dachte ich, das spanische System mit den langen Schultagen sei unmenschlich, die Kinder seien völlig überfordert. Ich holte meinen Sohn, der auf eine kleine spanische Grundschule geht, mittags immer zum Essen nach Hause, weil ich glaubte, so gut und in Ruhe wie bei Mama ißt er nirgendwo. Alles Quatsch! Irgendwann gestand mein Sohn, daß er lieber in der Schule essen würde, weil er dann 1,5 Stunden vor dem Nachmittagsunterricht noch mit den Freunden spielen könnte. Das Menü in der Schule sieht gesund aus und er ißt dort Sachen, die er zuhause nie anfassen würde, weil er einfach großen Hunger hat und seine Kameraden auch zugreifen.Auch was den Lerninhalt betrifft, kann ich nicht feststellen, daß er weniger weiß als Kinder seines Alters in Deutschland. Im Gegenteil er hat ein Grundwissen in Englisch, kann es anwenden, konnte wie alle anderen Kinder seiner Klasse bereits mit 5 Jahren schreiben und lesen und ist auch beim Rechnen auf gleicher Höhe. Genauso seine vierjährige Schwester, die bereits zur Vorschule geht.Ganztagsschulen sind deswegen meiner Meinung nach durchaus eine gute Lösung für das deutsche Betreuungs- und Ausbildungssystem. Sie funktionieren in England, in Frankreich und in vielen anderen Ländern, auch schon im Grundschulalter. Die Vorschule, die in Spanien nicht Pflicht ist, aber von fast allen genutzt wird, holt sehr viel aus den Kindern raus, was in Deutschland lange unentdeckt bleibt. An meinen Kindern kann ich jeden Tag sehen, daß sie durch frühe Disziplin und Paukerei keinen Schaden erlitten haben.Ich halte es inzwischen fast für grobe Fahrlässigkeit, dass deutsche Kindergärten nichts anderes beibringen als Basteln und Singen. Das ist auch wichtig, aber in den drei Jahren vor der Schule könnte man noch vieles mehr lernen. Denn kleine Kinder lieben es, zu lernen. Anders als man in Deutschland denkt, ist es keine Anstrengung für sie. Zahlen, Buchstaben und Denkaufgaben sind für sie auch Spiel.Ach ja und wo wir Deutsche noch in Sachen Schule von den Spaniern lernen könnten: Die Schüler hierzulande tragen keinen unförmigen Scout-Ranzen auf dem Rücken, dessen Gewicht bei vielen Kindern zu Schäden an der Wirbelsäule führt. Die Spanier ziehen einen Koffer hinter sich her, in dem sie die Bücher und das Frühstück verstaut haben. Rundum gesehen, haben sie es viel besser als ihre deutschen Altergenossen. Nicht zuletzt wegen der drei Monate Sommerferien, die viele in Camps und im Sprachurlaub verbringen. Das ist zwar auch teuer und macht eine sehr gute Organisation notwendig, ermöglicht den Kindern aber auch, verschiedene Welten und Kulturen kennenzulernen.

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