Sehen und gesehen werden

11.01.2016 - Karin Sommer 

Nachdem ich in den letzten 10 Jahren in verschiedenen Vierteln Barcelona´s gelebt habe, bin ich vor einem Jahr in Poble Sec gelandet. Ich empfinde die Nähe des Montjuïcs als täglichen Luxus, aber das Beste an Poble Sec ist etwas ganz Anderes. 

 

Nein, es ist  nicht die Calle Blai mit ihren Bars und Restaurants und es sind auch nicht die vielen kleinen Bars und Läden in den Strassen weiter oben, die die Touristen nicht finden.

 

Das ganz Besondere ist der Weg von meiner Wohnung zur U-Bahn, den ich jeden Tag mindestens zweimal gehe.

 

Ich grüsse das nette katalanische Ehepaar, das seit 40 Jahren ein Gemüsegeschäft führt, das ein Treffpunkt für Menschen aller Altersstufen ist. “Wir dürfen bloss keine Stühle hinstellen, sonst enden wir als Psychologen”, meinen sie lachend, als ich sie darauf anspreche, dass Salat kaufen bei ihnen so unterhaltsam ist wie in´s Theater gehen.

 

Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie reich geworden sind in diesen letzten 40 Jahren, aber sie scheinen sehr zufrieden zu sein mit ihrem Leben. Um sechs Uhr morgens ist Licht im Geschäft und um halb zehn Uhr abends hört man hinter den heruntergelassenen Rollläden immer noch jemanden Kisten herumschieben.

 

Ich winke beim Weitergehen dem attraktiven, glatzköpfigen, jungen Mann, dem schlechte Laune unbekannt zu sein scheint, zu. Er arbeitet in der Bäckerei, die ein wunderbares Ambiente hat, das einfach nicht verrät, wer die Besitzer und wer die Angestellten sind. Ich habe nicht vor, nachzufragen.

 

Seit Tagen habe ich den Mann, der die Parkgarage führt, nicht gesehen. Ich frage den Gemüsehändler nach ihm. “Ja, er hat auch schon nach dir gefragt” meint er. Wo ist denn die “chica”, die immer lacht, meinte er “Ich hab sie schon seit Tagen nicht gesehen”.

 

Mir wiederum fehlt der alten Mann, der vor dem Café um Geld bittet.

 

Das trifft einen wunden Punkt in mir, weil es mir die vielen Male vor Augen führt, an denen ich einen anderen Heimweg genommen habe, weil ich dem alten Mann nicht jeden Tagen zweimal in die Augen schauen wollte; obwohl er sehr schöne Augen hat. Sie sind blau.

 

Ein Tag nach dem anderen vergeht, an dem ich hoffnungsvoll um die Ecke schiele und nach ihm Ausschau halte, die Münzen in der Jackentasche bereithalte, und dann einfach weitergehe, so als ob alles wie immer wäre.

 

Nach zwei Wochen sitzt er wieder da, an seinem Platz. Meine Freude ist spontan und ich unterdrücke sie nicht. “Wie geht es dir? Wo warst du denn so lange?” frage ich ihn.

 

“Ja, weisst du, meine Knie tun mir weh. Ich kann nicht mehr so gut laufen”, antwortet er. “Schön, dass du wieder da bist”, meine ich darauf und werde endlich meine Münzen los. 

 

Diese Menschen sind nicht meine Freunde und sie sind es doch. Ich kenne ihre Namen nicht, weiss nichts über ihr Leben und sie nichts über meines. Aber wir sind uns vertraut und freuen uns aneinander.

 

Ich weiss nicht, wielange ich in Poble Sec leben werde, aber ich weiss, dass dieser Ort immer einen besonderen Platz in meinem Herzen haben wird; einen, der randvoll ist - mit Lächeln und Augenzwinkern und guten Wünschen.

 

Karin Sommer ist Österreicherin und lebt seit 10 Jahren in Barcelona. Sie lehrt Menschen, ihr Leben mit Freude zu leben.  Mehr von ihr unter www.karinsommerbcn.com

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