In welcher Zeit leben wir?

02.10.2007 - Stefanie Claudia Müller - SCM Communication 

Manchmal habe ich den Eindruck, ich bin im falschen Film. Bei der Einfahrt auf den Parkplatz des Terminal 4 in Madrid werde ich von der Polizei an die Seite gewinkt. Routine-Kontrolle. Machen Sie bitte Ihren Kofferraum auf! Mit einem Detektor sucht der ältere Mann mein kleines graues verbeultes Auto nach einer Bombe ab. Den dicken Mercedes vor mir hat er nicht angehalten. Warum?Dann die erleichternde Nachricht: Nichts gefunden. Ich darf weiterfahren und erinnere mich an meinen Flug von Frankfurt auf die Malediven vor ein paar Wochen, wo ich an der Sicherheitskontrolle meine Schuhe ausziehen musste. (Peinlich, wo diese doch nach dem vielen Laufen unangenehm rochen?). Dann musste ich auch noch den Gürtel ablegen und meine Hose rutschte mir auf die Hüften, man sah meine Unterhose. Die Männer grinsten. Mir war das alles peinlich.Nicht genug Bloßstellung, ich muss in eine Kabine und werde von einer Frau abgetastet. Mein Kind steht fragend davor: Warum machen die das, Mama? Was soll ich ihm sagen. Ich verstehe diese Welt selbst nicht mehr, wie soll ich sie meinem Kind erklären. In den vergangenen zehn Jahren hat sich soviel geändert, nicht nur in Sachen Sicherheit, dass ich mich ständig wie im falschen Film fühle.Bei meiner ersten Arbeitsstelle in Brüssel 1996 war das Internet noch ganz frisch, e-mails waren etwas besonderes. Mobilfunk war etwas für Privilegierte. Jetzt ist das Leben ohne e-mails und Handys kaum noch denkbar. Wir sind abhängig davon, immer miteinander connected zu sein. Wir haben keine Ruhe mehr. Der Terrorwahn seit dem 11. September dringt bis in unser Privatleben. Wir müssen unsere Koffer aufmachen, wo unsere schmutzige Wäsche und unsere Waschuntensilien offenliegen und alles wegschmeissen, was mehr als 100ml Flüssigkeit aufweist. Wir müssen überall unseren Pass zeigen und werden ständig von fremden Menschen abgetastet. Alles scheint normal... Kaum einer beschwert sich.Wir bekommen Kinder aus der Retorte und pflanzen in unsere Körper Organe von anderen Menschen. Brave new world.. Manchmal macht mir das sehr viel Angst. Aber da ist auch eine leichte Hoffnung, dass diese rasante Entwicklung des vergangenen Jahrzehnts nicht im gleichen Tempo fortschreitet, weil wir selber untergehen, wenn wir nicht mal stillhalten. Mein achtjähriger Sohn zum Beispiel liebt zwar Roboter-Filme, aber auf die Frage: Willst Du denn auch einen haben?, antwortet er ganz natürlich: Nein, eine Welt mit Robotern wäre furchtbar.

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