Hotel Barcelona

21.07.2009 - Bärbel Müller, freie Journalistin 

Endlich! Nach vier Jahren Fernbeziehung unsere erste gemeinsame Wohnung. Und die liegt mitten im Herzen Barcelonas. Zwei kühle Frühlingsmonate sollten beim Einzug noch vor uns liegen, mit kuscheligen Wochenenden in unserer eineinhalb Zimmer großen, schnuckeligen Bleibe. Und dann Sommer, Sonne, Strand und das Meer. Ein Traum der trauten Zweisamkeit…
… der recht bald wie eine Seifenblase zerplatzte.

Denn der erste Besuch kündigte sich an. Und dann der zweite, der dritte, der vierte… Und plötzlich fanden wir uns in einem Strudel aus Besuch empfangen, verpflegen, verabschieden, empfangen, verpflegen, verabschieden, empfangen, verpflegen, verabschieden … wieder.

Familie, Freunde, Bekannte und Menschen, von denen wir fast nicht wussten, dass sie uns kennen, geben sich seitdem die Klinke in die Hand. Statt die Wochenenden einsam zweisam zu verbringen, spielen wir nun Touri-Guide, Unterhalter, Koch, Putzfrau, Shuttlebusfahrer… Unser Sofa ist zum Gästebett geworden, Fernsehtisch und Esstisch sind zu Kleider-, Sonnencreme-, Stadtplanablagen umfunktioniert, die eigenen Duschsachen wurden in die Ecke geschoben, um bunten Einwegpackungen (Billigflieger sei Dank: nicht größer als 100ml) Platz zu machen.

Neulich habe ich gelesen: die Hausbesetzerrate in Barcelona sei eine der höchsten der Welt. Aha: und findet das gerade in meinen vier Wänden statt?? Dieser Gedanke scheint naheliegend, bei Empfang von sms wie der folgenden: „Wir haben einen günstigen Flug gefunden. Am 13.7.. Passt euch das? Wenn nicht, auch egal: Wir haben schon gebucht. ;-)“  Natürlich ist das nun ein Extrem, aber es zeigt eben sehr deutlich, wie das Verständnis der „Daheimgebliebenen“ ist. Endlich kennen sie jemanden, der in Barcelona lebt. Auf zum Billigurlaub!

Am Anfang haben wir noch gewitzelt: so putzen wir wenigstens regelmäßig. Aber mittlerweile nach zehn Besuchen in vier Monaten ist uns das Lachen vergangen.
Von Kollegen und Bekannten hier weiß ich, dass wir dieses Schicksal mit vielen Ausgewanderten teilen. Eine Bekannte hat mittlerweile einen Besuchsstopp verhängt und nun kaum noch deutsche Freunde, die ihr auch mal eine Postkarte schicken.
Das ist nicht was ich will. Ich vermisse meine Freunde und ich würde gerne shoppen gehen, ins Kino oder auf einen Café. Und dann wieder jeder für sich nach Hause.

Und jedem der hier war, wollten wir auch einen schönen Urlaub bescheren. Denn jeder einzelne liegt einem ja am Herzen. Aber plötzlich wird die eigene Wohnung zum günstigen Domizil für Städtereisende, zum „Hotel Barcelona“. Und dieses Hotel bietet mehr als sein Name erahnen lässt. Nicht nur, dass der Besuch weder für Kost, noch für Logie aufkommen muss. Das Herrlichste ist doch das Abgeben von Verantwortung. Der Gastgeber kümmert sich um das Programm – tatsächlich haben sich die wenigsten einen Reiseführer gekauft mit dem Hinweis, wir würden uns ja schon auskennen, beziehungsweise: der Besuch will sich überraschen lassen. Überraschen lassen heißt übersetzt: ich will mich um nichts kümmern.

Ihr kennt euch doch aus heißt übersetzt: ihr seid verantwortlich, wenn es mir/ uns nicht gefällt. Mittlerweile kann ich jedem Touristenführer Konkurrenz machen. Die Sätze im Park Güell, vor der Sagrada Familie oder der Kunsthochschule spule ich schon automatisch ab. Jeder Touristenführer, jedes Zimmermädchen und jeder Portier haben allerdings einmal Feierabend. Nicht aber im „Hotel Barcelona“.

Dass hier irgendetwas falsch läuft, habe ich spätestens dann gemerkt, als ich mich nach dem letzten Wochenende gefreut habe, zur Arbeit zu gehen. Wenn die Arbeit entspannender ist, als das zu Hause, wenn einem der eigene Schreibtisch vertrauter vorkommt, als die eigenen vier Wände. Dann stimmt doch was nicht. Wenn ich mich auf mein Sofa setzen will, muss ich fragen, ob ich auf das Besucherbett darf. Statt mit lautem Radio als Begleitung morgens lauthals unter der Dusche zu singen, schleiche ich mich jetzt aus meiner Wohnung, um niemanden zu wecken.

Wenn ich von der Arbeit nach Hause komme, muss ich klingeln, denn der Besuch hat den Schlüssel mitgenommen. Gabeln, Teller, Gläser finde ich nicht mehr, da der ordentliche Besuch sie wegräumt. Beim unordentlichen dagegen, darf ich erstmal eine Runde Geschirrberg spülen. Statt mich selbst am Sandstrand zu aalen, schüttele ich nur denselbigen aus den Gästehandtüchern.

Ich weiß, so mancher Besuch lädt uns aus Dank zum Essen ein, spült das Geschirr, bringt den Müll weg und kauft Wasser. Das ist nett. Ehrlich. Aber: Liebe Familie, Freunde, Bekannte und Menschen, von denen wir fast nicht wussten, dass sie uns kennen, versteht uns bitte nicht falsch. Jeder einzelne von euch sollte uns herzlich willkommen sein, aber im gemeinsamen Aufmarsch, der fast an Mallorca-artige Rekorde grenzt, ist es einfach ein bisschen zu viel.

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