Die wahren Ursachen der Krise

15.11.2009 - Stefanie Claudia Müller - scm communication 

Wie kann ein Land sich jahrelang dem Traum hingeben, dass ohne Arbeit sehr viel Geld verdient werden kann? Man muss einfach ein Haus oder eine Wohnung kaufen und sie dann einige Jahre später für das Doppelte verkaufen, das war die Auffassung vieler Spanier. Der Kauf wurde teilweise durch die hohen Abfindungszahlungen bei Jobverlust finanziert. Ein aberwitziges Treiben...

Warum haben die spanischen Medien so wenig über die offensichtliche Blase auf dem Immobilienmarkt und den moralischen Zerfall in den Gemeindeverwaltungen, Unternehmen und der Politik berichtet? Die Antwort ist klar: Die Gier hat den Verstand ausgeschaltet, alle wollten, dass das Land weiter Profit macht, keiner wollte die Lizenz zum Gelddrucken verlieren. Jetzt steckt Spanien in der tiefsten Krise seit Beginn der Demokratie und viele glauben immer noch, es sei nur die Folge des Zusammenbruchs von Lehman Brothers, sie verstehen nicht, dass sie sich an die eigene Nase fassen müssen.

In Zeiten von Konkursen und Entlassung gleicht Spanien immer mehr dem Wilden Westen. Hier werden junge Menschen über Jahre mit 3-Monats-Verträgen abgespeist, zu unwürdigen Gehältern und Firmen tricksen, wo sie können, um ihre ausstehenden Schulden nicht zu begleichen, darunter auch große Unternehmen wie Telefónica oder Gas Natural, die oft mit Schecks zahlen, die sie über Medienagenturen abwickeln. Diese Großen sind die ersten, die Zahlungsziele nicht einhalten und immer Ausreden parat haben. Da darf es nicht wundern, dass hier niemand niemanden mehr traut: In welchem Land muss man tagsüber schon vor dem Tanken bezahlen und wo bekommt man nur die Ware, wenn man dem Hersteller das Bargeld dafür auf den Tisch legt?

Warum greift in diesem Land einfach niemand durch und sorgt dafür, dass Gesetze bei der Vergabe von Bauland eingehalten werden, dass Fehlverhalten sanktioniert wird? Hier werden zwar zum Beispiel beim Straßenverkehr viele Strafzettel verschickt, aber kaum einer zahlt sie. In Deutschland fährt man einmal schwarz mit der Straßenbahn und zahlt dann nicht die Strafe - die übrigens per Überweisung erfolgt, eine in Spanien seltene Bezahlungsart - und man ist vorbestraft.

Warum sind in Spanien so Leute wie Florentino Pérez, die vor allem durch Spekulation und Vetternwirtschaft nach oben gekommen sind, Nationalhelden? Warum hat niemand diese tiefe und schwere moralische und wirtschaftliche Krise schon vor Jahren angeprangert, obwohl sie abzusehen war? Und auch die renommierten und international anerkannten spanischen Business-Schulen scheinen wenig positiven Einfluss zu haben. Es wird viel von Ethik geredet, aber dann wird doch alles wieder so gemacht, wie man es gewohnt ist.

Warum? Die Antwort ist auch hier einfach, wenn man sie denn hören will: „Von dem Immobilienboom haben einfach alle profitiert. Niemand hatte ein Interesse, dass die Immobilienblase platzt”, sagte mir kürzlich der Direktor der Wirtschaftsredaktion der staatlichen spanischen Nachrichtenagentur Efe. Von konsultierten 20 Experten, viele davon an den Business-Schulen, hätten 18 regelmäßig beteuert, es gäbe keine Blase. Aber dann muss man doch selber nachdenken als Journalist, oder?

Aber nein, das war schwierig, denn der Druck der Banken, der Regierung und der Bauunternehmen war enorm, nicht das zu schreiben, was in den ausländischen Medien schon seit dem Jahr 2005 zu lesen war: Spanien befindet sich in einer großen und gefährlichen Spekulationsblase. Jetzt haben alle die Quittung bekommen, aber sie lernen scheinbar immer noch nicht. Jetzt ist Zapatero der Sündenbock für alles.

Aber jeder ist für sich selber verantwortlich und natürlich muss jeder sich selber fragen, warum er eine Wohnung gekauft hat, die offensichtlich im europäischen Vergleich total überteuert war? Und warum sollten noch weitere spanische Apartments gekauft werden, wenn doch schon drei Millionen leerstehen? Aber die Gier nach noch mehr Reichtum hat die Menschen wohl blind gemacht. Viele waren aber auch tatsächlich so naiv zu glauben, was in den Zeitungen stand: Spanien geht es gut. Wie sollten die Leser es auch besser wissen, die meisten haben keinen Vergleich, weil sie nicht rauskommen aus Spanien.

Warum gehen die Menschen bei 20 Prozent Arbeitslosigkeit jetzt nicht in Scharen auf die Straße, um diese überall präsente Doppelmoral der spanischen Gesellschaft anzuprangern? Das katholische Spanien ist nicht nur das Land in Europa, wo am meisten Drogen umgeschlagen werden, sondern auch einer der Spitzenländer bei Abtreibung und Geldwäsche. Es stinkt zum Himmel, dass man hier Mieten schwarz bezahlen muss, dass Unternehmen von Kunden Barzahlung bei Abholen der Ware fordern, genauso wie Handwerker. Spanien ist eine Anarchie, hier macht jeder, was er will. Es gibt Regeln, aber niemand hält sie ein und niemand sanktioniert. Das Wort eines Freundes gilt mehr als das Gesetz und dieser Mangel an Moral wird das Land noch tiefer in die Krise reiten, denn die beiden großen Volksparteien geben ein erbärmliches Vorbild ab.

Das Land braucht einen Ruck. 1997 hat der damalige deutsche Bundespräsident Roman Herzog das auch für Deutschland gefordert, das Land brauche neue Werte, eine neue Dynamik. Er hat damit zumindest viele Diskussionen entfacht. In Spanien entfacht dagegen nur der Kleinkrieg in der PP. Die Jugend müsste auf die Straße gehen, eine zweite Movida für Werte, Ethik und unternehmerische Verantwortung. Sie sind die größten Opfer dieser Krise. Sie sollten deswegen anfangen, ihre Eltern zu kritisieren für Feigheit und Bequemlichkeit, für Gier und Doppelmoral. Sie sollten sich nicht gefallen lassen, dass hier immer jeder alles damit rechtfertigt, dass es schon immer so war. Sie sollten es anders machen.

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