Die Sprache, die sie verstehen

05.11.2007 - Stefanie Eichler - Journalistin 

Wir saßen in unserer neuen Wohnung, mitten in Madrid, als es plötzlich dunkel wurde. Wir zündeten Kerzen an. Als nach dem Stromausfall das Licht wieder ging, blieben Telefon und Internet weiterhin tot. Ich griff zum Handy und wählte die kostenfreie Nummer 1004 der Störungsstelle. Eine freundliche Stimme vom Band fragte nach dem Grund des Anrufs.Des Spanischen noch nicht wirklich mächtig, befolgte ich ausnahmsweise einen Ratschlag meiner Schwiegermutter: Der ausländische Anrufer könne die Frage vom Band schlichtweg ignorieren und habe die Möglichkeit alemán! oder francés! oder inglés! zu sagen und werde dann mit einem Mitarbeiter, der die jeweilige Sprache spreche, verbunden.Eine kleine Hürde musste ich noch überwinden. Auf die Nachfrage in Spanisch, Hemos entendido que quereis ser entendido en alemán. Es correcto? antwortete ich mit Es correcto. Dann hatte ich es geschafft, wie ich glaubte. Der Mitarbeiter zeigte sich kooperativ und versprach, noch am selben Tag einen Techniker zu beauftragen. Binnen vierundzwanzig Stunden käme er vorbei.Aber niemand kam. In den kommenden zwei Wochen riefen wir fast täglich bei Telefonica an und nichts geschah. Warum auch? Anders als in Deutschland, wo der Telefonierer auch bei privaten Anbietern seinen Direktanschluss haben kann, ist der Spanier einer einzigen Telefongesellschaft völlig ausgeliefert. Anschlüsse gibt es nur über Telefonica, den berechnenden Monopolisten!Da wir beide, mein Freund und ich von zuhause aus arbeiten und aufs Internet angewiesen sind, blieb die Arbeit liegen. Stattdessen spielten wir mit unserem 13 Monate alten Sohn, der den Einschätzungen meiner Schwiegermutter zufolge sowieso schon viel zu viel Zuwendung bekommt.Bis unser Vermieter auf die Geschichte aufmerksam wurde. Er wolle bei Telefonica anrufen. Seguro, meinte er, morgen funktioniert euer Telefon! Ich weiß, welche Sprache man mit diesen Leuten sprechen muss! Und tatsächlich, einige Stunden später bimmelte das Telefon wieder. Obendrein war ein Techniker an der Strippe. Damit unsere DSL oder ADSL wie es in Spanien heißt, wieder flott gemacht werden könne, solle ich 902357000 wählen.Gesagt, getan. Doch hier vertröstetete man uns von Neuem, tagelang. Bis mir eines Morgens die Hutschnur riss. Was mein Vermieter kann, beherrsche ich schon lange, dachte ich mir. Du bist so richtig schön wütend, sagte mein Freund. Ruf jetzt bei den Telefonicatrotteln an. Als er mir dann noch den Morgenkaffee entzog, war das Fass am Überlaufen.Mir tat die Frau von der Störungsstelle, die meinen Wutanfall abbekam leid, allein schon wegen meines schlechten Spanisch, aber ich fühlte mich auch sehr erleichtert. Ich hatte ihr gedroht, sämtliche Kabel der Telefongesellschaft runterzureißen und die öffentlichen Telefonapparate zu zerstören, wenn nicht noch heute ein Techniker vorbeikäme. ...Ich machte ihr deutlich, dass wir zum Brötchenverdienen das Internet brauchen und fragte, was wir jetzt machen sollen: Zu ihr kommen, bei ihr essen? Wir hätten alle einen ausgezeichneten Appetit. Ich weiß nicht, welche Drohung mehr Eindruck machte, jedenfalls stand zwei Stunden später ein Techniker vor der Tür. Am Nachmittag brachten wir unseren Sohn zur Schwiegermutter. Wir hatten viel nachzuholen.

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