Die Spanier und der Klimawandel

14.04.2008 - Aline Lutz - Studentin 

Pseudowissenschaft Klimatologie? Folgte man kürzlich auf einer Pressekonferenz in Madrid den Ausführungen eines amerikanischen Statistikers, könnte man fast meinen, der Klimawandel sei mehr oder minder ein mediales Phänomen, dass die Gier der Menschheit nach Katastrophen befriedigt. „Das Klima verändert sich und hat sich schon immer verändert. Das ist nicht unbedingt ein Grund zur Sorge.“, konstatiert der Statistiker William Briggs. Eine polarisierende Meinung. Kontrovers ging es deshalb zwischen den Experten aus Wissenschaft und Forschung zu, die auf der Konferenz der Fundación Ramón Arces gemeinsam über den Klimawandel debattierten.

Briggs Absicht war es jedoch nicht, den Klimawandel zu verharmlosen. Er wollte vielmehr auf die Fehlerhaftigkeit bisheriger Prognosen hinweisen und aufzeigen, dass Statistiken und Modelle nur potentielle Entwicklungen darstellen können. Der Mensch tendiert seiner Meinung nach dazu, sich aus verschiedenen Prognosen kategorisch den schlimmstmöglichen Fall herauszusuchen. Leicht verliert er dabei das Gesamtbild und größere Zusammenhänge aus den Augen. Dementsprechend rigoros verhält es sich auch mit Briggs Meinung zu Gesetzesinitiativen, die dem Klimawandel entgegenwirken sollen: "Gesetze sind nicht sinnvoll, solange keine absoluten Gewissheiten über den Klimawandel feststehen. Bevor wir Gesetze initiieren, sollten wir wissen wie sich das Klima verändert."

Ökologieprofessor und Klimaexperte José Manuel Moreno ist anderer Ansicht. Der Klimawandel sei eine Sache, die jetzt angepackt werden müsse, um eine Umweltkatastrophe abzuwenden, deklarierte er lebhaft. Moreno steht bezeichnend für die Auffassung einer wachsenden Gruppe spanischer Wissenschaftler, die für sofortiges Handeln plädieren. "Mit ersten Folgen der Klimaerwärmung hatte Spanien schließlich bereits zu kämpfen. Zuviele Menschen sind dabei gestorben." argumentierte Moreno und bezog sich auf den Rekordsommer 2003. Ein nicht gänzlich schlüssiges Argument. Die damaligen Temperaturen dürfen nicht als direkte Folge des Klimawandels gesehen werden.

Bisher zeichnete sich die spanische Bevölkerung vor allem durch resolute Ignoranz gegenüber ökologischen Problemen aus. Mülltrennung, in Deutschland längst selbstverständlich, ist für den Großteil der Spanier ein Fremdwort. Autos werden mit laufendem Motor vor Geschäften und Cafés abgestellt und Klimaanlagen laufen bei weit geöffneten Fenstern auf Hochtouren. Ökologisches Gewissen? Fehlanzeige. Zu allem Überfluss interessieren sich selbst Wirtschaft und Politik wenig für ökologische Maßnahmen. Doch die Temperaturen in Spanien steigen ganz offensichtlich. Unausweichlich wird es Jahr für Jahr heißer. Mit dem gigantischen Bauboom, der exzessiven Landwirtschaft und dem steigendem Wasserverbrauch entwickelt sich ein weiteres Problem, die Wüstenbildung. Es liegt auf der Hand, dass der Mensch einen Einfluss auf diese Entwicklungen und den Temperaturanstieg hat. Ungewiss ist lediglich die Größe dieses Einflusses.

Der Klimawandel ist ein Phänomen, das mit Zahlen und Statistiken schwer belegbar ist. Fest steht aber, dass verantwortungsvoller Umgang mit der Natur unumgänglich ist, wenn das ökologische Gleichgewicht erhalten werden soll. Sieben von zehn Spaniern machen sich laut einer Studie größte Sorgen um den Klimawandel und ihr Land. Die Frage ist jedoch nicht, ob sich der Spanier sorgt, sondern wann diese Sorge in Aktivismus mündet.

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