Die Schuluniform

16.11.2011 - Andreas Clevert 

Nun ist es also soweit. Unser Kleiner hat nun die ersten Wochen im cole de mayores, wie er selbst stolz sagt, hinter sich. Kein guardería-Kind mehr. Und ich, deutscher Papa, mache gute Miene zu ... Nein, ganz so schlimm ist es auch nicht. Aber schaut mal: Meine Generation kann noch etwas mit dem Begriff „heißer Herbst 1983“ anfangen. Und damit war und ist beileibe nicht ein längst vergangener Spätsommer in Deutschland gemeint.
Dieses Jahr meldeten sich ja in der Tat zu Herbstbeginn vor allem diejenigen Freunde aus Deutschland, die zähneknirschend und vor allem triefend nass den dortigen Sommer überstanden hatten. Triumphierendes Geheul. Deutsche Schlagzeilen vorhaltend: morgen höhere Temperaturen in Köln als auf Mallorca. Anderes Thema. Könnte man auch darüber schreiben. Nein, heißer „Herbst 83“, da ging es zwar nicht um Klimaänderungen, aber um Antiatomkraft, Nato-Rakten und so etwas. Und: Uniformen waren uns ein Graus. Nun also die Schuluniform. Am eigenen Kinde! Wie kann ich da später glaubhaft ein Vater-Sohn-Gespräch über meinen Zivildienst einfädeln?

Kürzlich im Gespräch mit spanischen Freunden traf ich zum ersten Mal auf so etwas wie Verständnis für mein Unbehagen an allem Uniformischen ... , dachte ich wenigstens. Eine weibliche, spanische Stimme: Vor allem für die Frauen seien die Uniformen ganz furchtbar. Meine alt-deutsche Sozialisation labte sich an diesen Worten, konnte gar nicht glauben, einen Gleichgesinnten (Entschuldigung: Gleichgesinnte) gefunden zu haben. Nun, um es kurz zu machen: Dem war nicht so. Es ging der Dame darum, dass die Zwangsröcke im Winter zu kalt, und da aus Wolle im Sommer zu warm gewesen seien. Aus der Traum. Wie gut, dass ich nur zustimmend gelächelt hatte. Also, das mit der Temperatur hatte ich nun wirklich nicht gemeint. Naja, es ist wie es ist.
Mit solcherlei Gedanken schwang ich mich auf`s Rad (mit Kindersitz natürlich), um den Kleinen vom cole de mayores abzuholen. Verehrtes spanisches Autofahrervolk: Es mag sein, dass ich im Berg- und Talland Madrids rotgesichtig in Euren Auspuff schaue. Aber! Ich muss keine zwanzig Minuten Parkplatzsuche vor dem cole einkalkulieren, wenn Ihr mit Euren Großkutschen vor der Schule herumzockelt (man muss ja den spanischen Eltern nicht unbedingt unter die Nase reiben, dass – was sie an Steinzeiturinstinkten im Auto ausleben – der ökologisch korrekte Deutsche im Heimatland problemlos vom Radsitz aus betreibt). Also, schweißgebadet aber stolz stelle ich mich mental auf die vielen Kinderuniformen ein, die mir gleich beim Öffnen der Schultore entgegen strömen werden. Und da kommen sie alle: graue Hose, schwarze Schuhe, weißes Polo und grüne Socken (ach übrigens, kann mir jemand mal zum Kuckuck sagen, weswegen just diese Socken – egal wo man sie vor der vuelta al cole gekauft hat – immer färben müssen?). Und roter Rucksack. Ähm, roter Rucksack?! Rayo McQueen!! Eigentlich haben sie alle einen. Klein, groß, rund, rechteckig. Ich muss lachen. Meine düster-deutschen Gedanken sind verschwunden. Rayo McQueen (für uns Denglische: Ligthening McQueen aus dem Film „Cars“ ff.) gehört nicht zu den Vorgaben der Schuluniform. Haben aber alle gekauft. Wir auch. Stolz und glücklich.

Kleiner Nachtrag vom Folgetag: Ich habe aufgepasst. Dieses Mal habe ich auch einen Jungen mit einem Buzz-Lightyear-Rucksack (für die Ignoranten: aus dem Film „Toy Story“ ff.) gesehen. Wow! Ich überlege mir, ob wir nach der üblichen Halbwertszeit (Verschleiß innerhalb von zwei bis drei Monaten erwartet) auch auf dieses non-konformistische Modell umsteigen sollen.

Andreas Clevert lebt mit seiner spanischen Frau und drei Jungs (6, 4 und knapp 2 Jahre) in Bonn und Madrid. Er ist gefühlter Elterngeldveteran mit 36 Monaten Väterzeit und fällt damit aus den Charts des Bundesfamilienministeriums. Ach ja, natürlich hasst er den Begriff ‘Vätermonate’. www.vaterdasein.wordpress.com

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