Das Land der 1000 Kontakte

24.03.2008 - Stefanie Claudia Müller - scm-communication 

Nirgendwo kann man besser und schneller Menschen kennen lernen als in Spanien. An der Bushaltestelle, in der Bar am Tresen oder beim Arzt. Die Spanier finden immer ein Thema, suchen den Kontakt. Sie interessieren sich meist nicht wirklich für die eigene Geschichte, aber sie hören zu, geben Ratschläge. Sie hören sich natürlich auch selber gerne reden, sind nicht gerne alleine, denken vielleicht auch nicht so gerne über sich selber nach, sie lieben Lärm und sei es der vom vielen Reden. Das alles natürlich sehr verallgemeinert.

Aber man gehe nur in eine spanische Bar oder in ein Restaurant und ist erstaunt über den Geräuschpegel. „Was haben die Leute denn bloß? Warum schreien die so?“, rutschte es mir beim ersten Mal in einer Madrider Bar in Anwesenheit meiner spanischen Freunde heraus. „Die streiten nicht, die unterhalten sich nur einfach“, war deren Antwort. Die Spanier lieben das Gestikulieren, Kraftausdrücke und Durcheinanderquasseln.

Gerade in Madrid kann man sich dank dieser Rede- und Kontaktfreudigkeit eigentlich nicht wirklich einsam fühlen. Auch wenn man die Sprache nicht spricht, findet man immer ein Gespräch. Ich habe derzeit einen deutschen Schüler zu Gast, der ständig solche Erfahrungen macht und verwundert ist, darüber, worüber Fremde so alles sprechen können. „Aber so lerne ich wenigstens die Sprache“, findet er. Rümpfen die Franzosen oft die Nase, wenn man nicht korrekt ihre Sprache beherrscht, zeigt man in Spanien, wo man wie in Frankreich kaum einer Fremdsprachen spricht, größtes Verständnis für die Ausländer, die versuchen, die eigene Sprache zu lernen.

Es ist auch viel informeller als zum Beispiel in London, wo die Leute vor lauter guter Erziehung, kaum noch miteinander reden. In Spanien ist das anders und vielleicht wohnen deswegen soviele Briten hier. Die Leichtigkeit und Herzlichkeit liegt regelrecht in der Luft und macht das Leben so herrlich einfach - so scheint es zumindest. Ein Grund, warum so viele Einwanderer sich entschließen, hier zu bleiben, obwohl alles so schrecklich teuer ist und viele Dinge falsch laufen. Die Lebensfreude der Spanier ist umwerfend und auf Dauer ansteckend.

In Deutschland bauen wir überall Barrieren auf, die Spanier bauen diese in Windeseile ab, gerade im Umgang mit uns, den Ausländern. So schnell, dass damals sogar die Eon-Mannschaft bei ihrem Übernahmeversuch von Endesa ins Schwärmen geriet: "Was hier wirtschaftspolitisch passiert ist zwar absoluter Mist, aber das Leben und die Menschen hier sind toll."

Dass die Spanier keine Barrieren im Sozialleben mögen, merkt man schon an der wenig formellen Sprache, an den lockeren Umgangsformen im Geschäftsleben oder auch an der Erziehung der Kinder. Das kann man auch kritisch sehen, aber der Grad an Toleranz und der Lebensgenuss der Spanier macht dem Neuankömmling das Einleben in jedem Fall leichter. Für mich als Journalistin ist es absolut das richtige Land. Nicht zum Philosophieren oder intellektuellen Inspiration. Aber jeden Tag komme ich so vielen Menschen sehr nah, dass ich trotz allem Stress den Tag meist positiv abschließe. Auch Manager sind viel unkomplizierter im Umgang als ich das aus Deutschland kenne. Leider kann man hier nicht viele Interviews führen, aber wenn es möglich ist, wie vor 1,5 Jahren mit César Alierta, dann ist man verwundert, wie schnell auch diese hochrangigen Spanier einem nah sind, aus ihrem Privatleben erzählen.

Wenn man dafür offen ist, kann eine Spanierin einem in der Schlange des Supermarktes ihr Herz ausschütten, ohne einen zu kennen. Vielleicht hat sie einen auch beim nächsten Treffen im Supermarkt wieder vergessen, aber wen stört das. Richtige Freunde findet man ja auch nicht im Supermarkt. Und diese Hilfsbereitschaft!: Ist mir gerade wieder im Madrider Ausgehviertel La Latina passiert. Ich wollte zu einer Bar, kannte den Weg nicht und fragte ein älteres Paar, die ebenfalls um 1 Uhr nachts noch auf Tour waren (I love it!). Sie wussten nicht, wo diese sich befindet. Aber statt genervt weiter zu gehen, hielt die Frau mich fest: "Warte, wir fragen hier in einer anderen Bar!" Drei Versuche startete sie und schließlich kam sie strahlend wieder auf mich zu: "Du gehst die Straße runter und dann rechts." Ihr Mann stand die ganze Zeit geduldig neben mir.

Die Spanier können fluchen und sehr laut werden, aber ihre genauso schnell wieder auftauchende Herzlichkeit, Wärme und Nähe macht sie so liebenswert, macht das eigentlich total verbaute Spanien zum zweitliebsten Reiseziel der Welt. Vielleicht findet man hier nicht so viele intellektuelle Diskussionen, nicht soviel hochwertiges Theater oder auch nicht eine so differenziertere politische Bildung wie wir sie in Deutschland gewohnt sind, aber die Menschen hier lieben das Leben und das spürt man. Positive Menschen strahlen Positives aus. Und weil der Mensch letzendlich nichts so liebt wie den Menschen, fühlt er sich meist sehr schnell wohl in Spanien. 

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