Auch das Wetter steckt in der Krise

21.02.2009 - Paul Ingendaay - Korrespondent der FAZ in Spanien 

Wenn die Leute mich fragen, wie das so ist, in Sierra Nevada Ski zu laufen, sage ich: An schönen Tagen sehe ich Afrika. Es stimmt wirklich. Auf dreitausend Meter Höhe, bei sehr klarer Sicht, kann man über die grüne Weite Andalusiens hinweg das Meer schimmern sehen, und jenseits von hundert Kilometern Wasser liegt ein anderer Kontinent. Natürlich hat das, was wir hier oben machen, mit dem Leben auf diesem anderen Kontinent nicht das Geringste zu tun, wir bekommen seine Vertreter vor allem als Immigranten zu Gesicht, in Sierra Nevada zum Beispiel verkaufen sie Handschuhe, Mützen und Skibrillen. Dieses Jahr war der Schnee traumhaft, doch der Wind ließ die Lifte so gefährlich schaukeln, dass sie ganze Tage lang schließen mussten, und die meisten Leute - wir auch - fuhren vorzeitig wieder ab.

Was machen denn die afrikanischen Immigranten, fragte ich mich, wenn hier niemand Ski läuft? Hocken zur kältesten Jahreszeit an einem der kältesten Punkte Spaniens, tragen dicke Jacken und Pudelmützen und verkaufen nichts. Dann tauchten drei von ihnen plötzlich im Parkhaus auf, als wir abfahren wollten, und boten sich an, die Schneeketten aufzuziehen. Sie machten es gründlich, überprüften ausgiebig den korrekten Sitz und gaben dann das O.K. zur Abfahrt. Wir sollten ja heil nach unten kommen, schlechte Arbeit wäre schlechtes Geschäft.

Zehn Kilometer weiter unten, auf der Landstraße nach Granada, stand am Rand noch einer und gestikulierte. Vielleicht stand er da, um den Hochfahrenden beim Anlegen der Schneeketten behilflich zu sein, aber wir fragten uns, wie er das Misstrauen der ankommenden Autofahrer überwinden wollte. Sie sehen dort einen, den sie nicht kennen und von dem sie nicht wissen, was er von ihnen will. Vielleicht halten sie ihn für einen Wegelagerer. Dass ein Auto anhalten könnte, um sein Hilfsangebot anzunehmen: sehr unwahrscheinlich. Also wird er nichts verdienen.

Irgendwie schien in Zeiten des Aufschwungs alles leichter zu sein. Die Sonne schien, wo sie scheinen sollte, der Schnee fiel so, dass die Wintersportler in Massen auf die Berge strömten, und ganz nebenbei machten die Verkäufer von Mützen und Skibrillen ihre Geschäfte. Jetzt, wo in Spanien die Arbeitslosigkeit in die Höhe schießt und Immigranten gedrängt werden, nach Hause zurückzukehren, spielt nicht einmal mehr das Wetter mit.

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