Integration in Barcelona

26.11.2012 - Susanne Merz 

Das Barcelona eine überaus dynamische Stadt ist, in der zahlreiche Menschen
verschiedenster Nationalitäten ihr Leben oder einen Lebensabschnitt verbringen ist
kein Geheimnis. Auch ich lebe jetzt wieder seit sechs Monaten in Barcelona und mir fällt immer wieder auf, dass es Barceloneser gibt, die den Zuwanderern gerne mangelnden Willen zur Integration nachsagen und diese im Gegenzug von einigen Migranten als ausländerfeindlich und rassistisch bezeichnet werden. Als ich einmal ein Interview mit einer deutschen Unternehmerin führte und diese frage, was sie an Barcelona störe, antwortete sie ohne einen Moment zu zögern: „Die Katalanen“. Zudem stelle ich immer wieder fest, dass Ausländer zahlreicher Herkunftsländer sich gerne in multikulturellen Gruppen zusammenschlieβen und den kulturellen Austausch auf zahlreichen Ebenen pflegen. Doch auch hier ist nur in den seltensten Fällen ein gebürtiger Katalane anzutreffen und nur wenige Mitglieder sprechen Katalan.

Meine persönlichen Beobachtungen laufen daraus hinaus, dass sich Katalanen und
Zuwanderer selten vermischen und Integration, im eigentlichen Sinne, so gut wie gar
nicht stattfindet. Sicher gibt es einige Ausnahmen, die ich persönlich aber auch als solche wahrnehme. So haben einige Katalanen eine/n Partner/in, der/die aus einem anderen Land stammt oder ich treffe in einer bunt gemischten Gruppe doch mal auf einen Katalanen. Dabei spreche ich von Ausländern, die seit Jahren in Katalonien leben und nicht etwa nur von Kurzzeitstudenten oder Praktikanten. Mein derzeitiger Chef etwa, lebt seit zehn Jahren in Barcelona und spricht kein Wort Katalan. Es lässt sich sicherlich darueber streiten, ob das Erlernen der katalanischen Sprache wirklich notwendig ist, aber er hat es bisher auch nicht geschafft, Spanisch zu lernen. Warum auch? Er ist Holländer, seine Frau ist Deutsche und auf der Arbeit reichen Deutsch und Englisch völlig aus. Er bedauert aber selbst, dass er kaum Gelegenheit hatte, die Sprache zu erlernen. Da er zudem noch in der deutsch-französisch-holländischen Enklave Sant Cugat de Valles lebt, wird sich dieser Mangel an Sprachkenntnissen in absehbarer Zeit sicher nicht ändern.
Auf der anderen Seite, hat mich selbst ein Erlebnis im Supermarkt in meiner zweiten Woche in Barcelona geprägt. Damals, vor vier Jahren hatte ich gerade mein Auslandsstudium in Madrid beendet und war frisch angekommen, um ein Praktikum zu beginnen. Prompt wurde ich von einer älteren Dame im Supermarkt auf Katalan angesprochen. Als ich Sie fragend anschaute, da ich nichts verstanden hatte, fragte Sie mich auf Spanisch, was dieser Joghurt dort kosten solle. Also antworetete ich ihr auf Spanisch. Das Gespräch lief daraus hinaus, dass sie wissen wollte warum ich denn kein Katalan spreche und nach meiner Erklärung bekam ich ein harsches: “Pero, aprenderás?“ entgegengeschleudert. Da ich nur sechs Monate bleiben wollte und auf Deutsch und Spanisch arbeiten würde gab ich ihr gerne bereitwillig diese Auskunft. Ein groβer Fehler! Säuerlich wandte sie sich ab und noch als ich meterweit entfernt durch die Gänge schlenderte, konnte ich hören, wie sich lautstark bei der Verkäuferin beschwerte. Dabei ist es wahrscheinlich das Beste, dass ich damals wirklich so gut wie gar nichts verstehen konnte. Ich bin auch heute noch überzeugt, dass sie mich nur angesprochen hat, um sich eben ihre Meinung bestätigen zu
lassen: „Die Ausländer“ denken sie sind hier in Spanien und akzeptieren unsere Kultur und Sprache nicht. Ich muss zugeben, dass dieses Erlebnis bei mir sogar einigen Widerwillen hervorgerufen hat, mich mit der katalanischen Sprache zu beschäftigen.

Auf der anderen Seite kenne ich wiederum zwei Brasilianer, die seit einiger Zeit aktive
Mitglieder einer Castells-Gruppe sind. Sie wurden von den katalanischen Mitgliedern
sehr herzlich aufgenommen und sind ein fester Bestandteil der Gruppe geworden. Was aber stimmt denn nun? Sind „die Katalanen“ ausländerfeindlich oder möchten sich „die Zuwanderer“ nicht integrieren? Meiner Meinung nach sollte sich jeder mit Paschalierungen zurückhalten, egal ob Katalane oder Einwanderer. Es gibt sicher Beispiele, die beides bestätigen, aber eben auch Beispiele die ebendiese Verallgemeinerung widerlegen. Im Allgemeinen würde es sicher nicht schaden, wenn beide Seiten offener werden im Umgang miteinander, also sich einige Zuwanderer mehr um Integration bemühen und zum Beispiel die katalanische Sprache erlernen. Zumal sich die Stadt Barcelona redlich darum bemüht und kostenlose Sprachkurse bis zum Niveau C1 anbietet. Umgekehrt sollten einige festgefahrene Katalanen auch akzeptieren, dass Barcelona eine kosmopolite Metropole geworden ist, in der Angehörige zahlreicher Nationalitäten leben und dies als Bereicherung wahrnehmen und nicht als Versuch die katalanische Kultur auszurotten. Auβerdem trägt die Dynamik Barcelonas sicherlich dazu bei, dass wirkliche Integration sich schwierig gestaltet, auch wenn beide Seiten dieser offen gegenüber stehen.

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