Das wahre Leben

02.06.2011 -  

Manchmal lernt man auch in der Uni was fürs Leben. Ein Auslandsaufenthalt ist aufregend, spannend und interessant – keine Frage. Auch mir ist es hier in Spanien nicht anders ergangen. Als erstes hätten wir da die Honeymoon-Phase. Ähnlich wie bei Frischverliebten scheint in diesem Zustand alles einfach perfekt. Und so war es auch.

Hier in Spanien angekommen, habe ich mich direkt in Wetter, Essen und Lebensrhythmus verliebt. Paella, Fisch und Meeresfrüchte in allen Variationen, Tapas, Cañas, Cocido madrileño, das alles hat einfach nur gut geschmeckt. Die Siesta erschien mir nach anfänglicher Skepsis als geradezu geniale Erfindung und auch Frühlingstemperaturen im Februar und die ebenfalls wärmende Offenheit der Spanier haben mich schnell zum Schluss kommen lassen: „Viva España!“

Doch mit der Zeit merkt man, es ist nicht alles Gold, was glänzt. Genauso wie man in einer Beziehung nach einer gewissen Zeit findet, dass gewisse Verhaltensweisen nicht süß, sondern einfach nur nervig sind, stellt man auch im „Land seiner Träume“ gewisse Mängel fest. Die Wissenschaft nennt diesen Zustand Kulturschock. Die Symptome in meinem Fall: Plötzlich findet man Tapas langweilig, weil alles einfach nur fritiert ist und auch der Öl-Gehalt in allen anderen Speisen lässt den Cholesterinspiegel schon beim bloßen Anblick steigen. Mediterrane Küche hin oder her, gesund kann das nicht sein.

Die Siesta verliert ihre Faszination und scheint nichts mehr als eine unnötige, bequeme Angewohnheit zu sein. Das Fernsehverhalten der Spanier, wo der Fernseher läuft, sei es beim Essen, beim Lernen oder während der Siesta, scheint ebenso zweifelhaft. Und dann ist da noch die Offenheit der Spanier: Nach einigen Wochen stellt sich heraus, dass Spanier zwar gerne reden, vor allem aber über sich selbst.

Fragen über Herkunft, Job oder Ausbildung des Gegenübers sind eine Seltenheit. Wahre Freunde zu finden, scheint ein Ding der Unmöglichkeit.
Alle, die jetzt schon einen wütenden Kommentareintrag verfassen – einen Moment noch, ich bin noch nicht fertig. Denn auf die Frustrationsphase folgt die letzte Phase, die Zeit des Verstehens.

Und so habe auch ich verstanden, dass meine abgeflaute Tapas-Freude vielleicht mit der Wahl der falschen Restaurants zu tun hat und dass es durchaus auch anders gehen kann. Nach einigen Diskussionen habe ich eingesehen, dass Olivenöl einfach gesünder ist als andere Öle und dass man es deshalb auch in größeren Mengen verwenden kann.

Die hohe Lebenserwartung in Spanien lässt ebenfalls darauf schließen, so ungesund kann das Essen nicht sein. Die ersten heißen Tagen im Mai haben mir auch der Sinn der Siesta endgültig bewusst gemacht: Ja, es stimmt in Madrids Zentrum kann man bei Temperaturen von über 35 Grad draußen nicht mehr wirklich etwas machen und die Müdigkeit nach dem Essen zwingt einen fast dazu sich der Siesta hinzugeben.

Es stellt sich auch heraus, dass das Nicht-Nachfragen damit zusammenhängt, dass die Leute nicht aufdringlich sein wollen und die Privatsphäre des Gegenübers nicht verletzen wollen – andere Länder, andere Sitten.

„Andere Länder, andere Sitten“ – das ist es, was man bei einem Aufenthalt im Ausland lernt und „Man muss nicht alles verstehen“- Hat man diese Sätze verstanden und verinnerlicht, dann kann man ein Land genießen. Das heißt nicht, dass man alles stillschweigend hinnehmen soll, es ist durchaus sinnvoll über Sachen zu diskutieren, weil man dadurch nicht nur seinen eigenen Horizont erweitert, sondern auch den der Einheimischen.

Und vielleicht trägt man so sogar dazu bei, dass die Siesta manchmal ausfällt, der Fernseher ausbleibt oder der Salat mit der Hälfte Öl zubereitet wird. Und selbst wenn nicht, bleibt die Einsicht: Nirgends ist es zu hundert Prozent perfekt, jedes Land hat seine guten und schlechten Seiten, auch das eigene.

Doris Oberleiter - Journalistik-Studentin

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