Contra Euro, Dollar und Yen - Regionalwährungen liegen im Trend

04.06.2013 - Susanne Schwarz 

Irgendwie haben wir – im Rausch der Globalisierung – Entscheidendes verloren: Die Bodenhaftung. Ein Weltwirtschaftssystem, in dem zweistellige Arbeitslosenquoten, kränkelnde Sozialsysteme und kollabierende öffentliche Haushalte zur Norm geworden sind, kann der Bürger nicht mehr hinnehmen und – wie es scheint – die Politik auch nicht auffangen. Die einst viel gepriesenen, internationalen Finanzmärkte erweisen sich als radikale Vernichter sozialer, ökonomischer und ökologischer Systeme, weil das Kapital immer in die Quellen mündet, die den höchsten Gewinn versprechen. Soziale und lokale Bedingungen werden somit schlicht weggespült. Probleme wie die Arbeitslosigkeit haben diffuse globale Ursachen, aber konkrete lokale Wirkungen. Das ist der Punkt, der nicht auf der Agenda des „Vorher Denkens“ stand und der nun seine fatalen Folgen offenbart.

Herabgelassene Rollläden, verwaiste Schaufenster, leere Gassen wo einst idyllisch –mediterranes Leben seinen Charme offerierte und gut funktionierende Viertel einen selbstständigen Alltag zu leben wussten: Der Run auf das schnelle Geld, er ist in einer Sackgasse gelandet. Was Politiker nicht schaffen, nämlich die Wirtschaftslage anzukurbeln, nehmen die Bürger in die Hand, zumindest in ihrem eigenen Umfeld. Sie geben alternative Regionalwährungen aus und setzen so den Weg frei, ihre Probleme weitestgehend selbst zu lösen. Japan, die USA und Kanada – die Grossen - haben den Trend der Kleinen längst erkannt und setzen verstärkt anstelle auf „Act Local“ anstelle des sonst so üblichen „Think Global“. In Europa feiert Belgien eine 15-Jährige Erfolgsgeschichte mit einer alternativen Währung, dem RES. Über 5000 Einzelhändler wickeln ihre Geschäfte in RES ab. Mehr als 100.000 treuen Kunden nutzen RES als ihre Regionalwährung. Und nun folgt Katalonien.

Katalonien ist gerne und oft dem Spanier voraus, am liebsten wäre es ihm so weit voraus, dass es den „Klotz am Bein“, los wäre. Doch ganz so einfach ist dies nicht und ohnehin muss man sorgsam zu trennen wissen, zwischen katalanischer Politik-Polemik ist und dem, was dem Volk unter dem Strich nachhaltig zu Gute kommt. Regionale Alternativwährungen sind da ein probates Mittel, die Solidarität untereinander dynamisch aufkeimen zu lassen. Sie bringen keinen Gewinn, sie bringen Nutzen. Mittels der lokalen Währung koppeln sich die Händler und Verbraucher ab von dem Sog der globalisierenden Wirtschaft. Unternehmen im limitierten Umfeld vernetzten sich und schaffen so einen gewinnträchtigen, lokalen Kreislauf der sich nicht „nach draußen“ vergaloppiert. Somit wird die regionale Finanzkraft gestärkt. Parallel wächst die Verbundenheit der Konsumenten Produkte vor Ort zu kaufen und so mitzuhelfen, dass sein Viertel sich nicht in einer Flut von chinesischen Billigläden verliert oder gar verwaist, weil die Händler dem Druck der Grossen unmöglich Stand halten können.

Katalonien adaptiert zum ersten Mal eine Regionalwährung und springt auf den belgischen Erfolgszug des RES auf. Das System ist einfach erklärt und schlüssig in der Umsetzung: 1RES =1Euro + 10. Gezahlt wird mittels einer Prepaid-Karte, die bis 150 Euro aufladbar ist. Da aber ein RES 10 mehr wert ist, zahlt der Konsument nur 135 Euro und hat somit eine solide Währung, die immer um zehn Prozent den aktuellen Euro übersteigt. Zu bestimmten Anlässen, gibt RES einen prozentualen Anstieg bis zu 30 aus. Da lohnen sich Ein- und Verkauf! Der Konsument spart gutes Geld und der Händler gewinnt neue Kaufkraft. Ob Apotheker, Bäcker, Optiker oder Friseur: RES ist eine gewinnträchtige Komplementärwährung, die Schwung in die erlahmte Wirtschaftssituation des kleinen und mittleren Einzelhandels bringen soll und bringt. In Belgien verzeichnet sie ein durchschnittliches Umsatzplus von fünf Prozent. Und auch in Katalonien zeigt man sich zufrieden. Bereits nach kurzer Zeit haben sich knapp 350 Händler dem innovativen Konzept angeschlossen. Tendenz rasch steigend. In Deutschland feierte ein sinnverwandtes Beispiel seinen zehnten Geburtstag: Der Chiemgauer. Einst belächelt, ist er nun eine anerkannte Regionalwährung, die Händlern und Konsumenten lieb und wertvoll ist.

Der Bürger muss das Heft in seine Hand nehmen, entschieden und energisch sein unmittelbares Umfeld vor der Misswirtschaft und dem versponnen, Polit-Gefasel des „Klotzen nicht Kleckern“, beschützen, wenn nicht gar inzwischen retten. Während die Einen den Euro hoch halten oder an ihm zweifeln, greifen Andere zur Alternative. Der Erfolg gibt ihnen Recht.

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