NEWS: Was können wir noch lernen?

31.12.2011 - zeit-online.de 

Für den Ingenieur Joachim Zimmer wird es wohl das komplizierteste Projekt seiner Laufbahn werden. Weder sein Maschinenbaustudium noch seine jahrelange Berufserfahrung bei Bosch werden ihm helfen können. Der 47-Jährige will Chinesisch lernen, in zwei Monaten wird er in Changsha im Süden Chinas einen Job als Gruppenleiter antreten. Nach fast 30 Jahren sitzt er nun wieder auf der Schulbank, am Landesspracheninstitut in Bochum. "Ein ziemlich merkwürdiges Gefühl", sagt er.

Max Westerheide dagegen kennt es nicht anders. Er ist gerade mal 17 Jahre alt, geht aufs Gymnasium und demnächst für ein Jahr zum Schüleraustausch nach China. Joachim Zimmer schaut hin und wieder neidisch zu ihm rüber. "Der kapiert das relativ schnell", sagt er. "Das wurmt mich schon ein bisschen."

Drei Wochen haben die beiden und ihre drei Mitschüler am Landesspracheninstitut in der Ruhr-Universität Zeit, um eine völlig fremde Sprache zu lernen. Das LSI ist landesweit bekannt dafür, Managern und Diplomaten, Ingenieuren und Korrespondenten schnellstens komplizierte Sprachen beizubringen – sei es Japanisch, Russisch oder Persisch. 800 Vokabeln und etwa die Hälfte der chinesischen Grammatik sollen Zimmer und Westerheide zum Schluss beherrschen. Ein spannendes Experiment: In kürzester Zeit wird sich zeigen, wie der gestandene Ingenieur das meistert und ob er mit dem 30 Jahre jüngeren Schüler mithalten kann.

Für den Job eine neue Sprache zu lernen – vor dieser Herausforderung stehen viele Berufstätige irgendwann in ihrer Karriere. Jeder dritte braucht wenigstens Grundkenntnisse, jeder sechste Fachkenntnisse in einer Fremdsprache, ergab eine Umfrage des Bundesinstituts für Berufsbildung. Und nicht erst bei vergleichsweise exotischen Sprachen wie Chinesisch, Arabisch oder Kisuaheli kommen die Lerner ins Schwitzen. Auch wer Schulenglisch beherrscht, aber Business-Englisch braucht, muss sich beinahe eine ganz neue Sprache aneignen. Da wünscht sich so mancher, früher begonnen zu haben, und fragt sich: Was ist denn noch drin, wenn man jenseits der 30 oder 50 eine neue Sprache lernt? Und wie stellt man das am besten an?

Viele der 30-Jährigen profitieren von ihrer Lernroutine: Das Studium ist noch nicht lange her, und im Beruf müssen sie sich ohnehin ständig Neues aneignen. Wer für den Job eine Sprache lernt, ist hoch motiviert und muss das Gelernte gleich anwenden – zwei wichtige Faktoren für den Erfolg. Wer sich richtig anstrengt, kann in manchen Bereichen noch fast so gut werden wie ein Muttersprachler.

Wir sind geradezu zum Lernen gemacht: Schon vor der Geburt lassen Erfahrungen und Eindrücke neue Verbindungen zwischen den Nervenzellen im Gehirn entstehen und verstärken ältere, später wird das Netz ständig neu geknüpft, gelöst, geflickt. Kinder machen Tag für Tag enorme Fortschritte. Wie flexibel aber ist das Gehirn eines Erwachsenen, wie gut kann es noch etwas vollkommen Unbekanntes meistern? Wer hat noch nicht mit dem Gedanken gespielt, etwas ganz Neues auszuprobieren – doch noch Geige spielen lernen! Oder Snowboard fahren! Oder Italienisch! –, und dann womöglich einen Rückzieher gemacht, weil er glaubte, zu alt zu sein.

Doch die Hirnforschung macht Mut: Auch das Gehirn eines Erwachsenen ist noch formbar, "plastisch" sagen die Wissenschaftler. Und anders als lange Zeit angenommen, können sogar noch nach der Pubertät neue Nervenzellen im Hirn entstehen. Besonders das Sprachenlernen fasziniert die Lernforscher, hier erhoffen sie sich die aufschlussreichsten Erkenntnisse, es ist die Königsdisziplin: Fast alle Sinne sind gefordert, Denken und Bewegung (Zunge, Gaumen, Lippen) müssen koordiniert werden, und das alles im Miteinander mit anderen Menschen, deren Absichten und Gefühle man verstehen muss, um mitreden zu können. Und schließlich ist Sprache das wichtigste Werkzeug zum Weiterlernen – ohne sie bliebe uns die Welt verschlossen.

Was aber Erwachsene beim Sprachenlernen eigentlich von Kindern unterscheidet und was das wiederum für ihren Lernerfolg bedeutet, darüber streiten die Wissenschaftler erbittert. Die einen sind fest davon überzeugt, dass es ein biologisch eingebautes Verfallsdatum für das sprachliche Lernvermögen gibt. Danach gehe es unweigerlich bergab. Die anderen bestreiten das vehement. Sie meinen, dass Kinder einfach deshalb so mühelos lernen, weil sie perfekte Bedingungen haben: viel Zeit, Betreuung rund um die Uhr, individuelles Training. Dahinter steckt die hartnäckige Debatte um den Einfluss von Biologie oder Umwelt. Es geht allerdings um weit mehr als um theoretische Grundsatzfragen. Denn wenn es nicht das Hirn ist, sondern schlicht die Umweltbedingungen sind, die Kindern das Lernen so leicht machen – dann könnte man diese doch ganz praktisch im Unterricht für Erwachsene imitieren und so das Fremdsprachenlernen revolutionieren.

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